Arbeitszeiten im Wandel: Immer flexibler – immer belasteter

Immer mehr Arbeitnehmer haben flexible Arbeitszeiten. Klingt nach einer guten Nachricht – ist es aber nicht unbedingt, wie Studien zeigen. Denn oft profitieren vor allem die Arbeitgeber.

Morgens um neun ins Büro und um 17.00 Uhr wieder nach Hause – diesen klassischen Acht-Stunden-Tag haben immer weniger Beschäftigte in Deutschland. Flexible Arbeitszeit heißt das Schlagwort. Es klingt verheißungsvoll – nach besserer Vereinbarkeit von Familie und Beruf und Zufriedenheit im Arbeitsleben. Doch die Realität sieht oft anders aus. Die Vorteile flexibler Arbeitszeit liegen nämlich oft gar nicht bei den Beschäftigten, sondern vielmehr beim Arbeitgeber.


Flexibel ist nicht automatisch gut

Hinter dem Begriff verbergen sich eine Reihe sehr unterschiedlicher Modelle: Da gibt es die mitarbeiterfreundliche Gleitzeit, bei der ein Arbeitnehmer innerhalb eines gewissen Rahmens selbst entscheiden kann, wann er kommt und geht – oder das Home-Office, bei dem nicht einmal mehr die Anwesenheit am Arbeitsort verlangt wird. Gemeint sind aber auch bezahlte oder unbezahlte Überstunden oder Arbeitszeitkonten, bei denen häufig der Arbeitgeber bestimmt, wann zu arbeiten ist und wann nicht.

Bei den Metall-Tarifverhandlungen geht es auch um die 28-Stunden-Woche auf Zeit. Denn für viele, die arbeiten, ist es schwierig, nebenbei Kinder zu betreuen oder Eltern zu pflegen. Wie passen Arbeitszeit und Privatleben zusammen? Von Julia Henninger. | video

Dass die Flexibilisierung der Arbeitswelt zugenommen hat und weiter zunimmt, ist unbestritten. Das ergeben auch aktuelle Zahlen, die aus einer Antwort der Bundesregierung auf eine Kleine Anfrage der Linksfraktion hervorgehen. Demnach ist die Zahl der Beschäftigten mit Arbeitszeitkonten von 13,7 Millionen im Jahr 2006 auf 20,8 Millionen im Jahr 2016 gestiegen. Traf das 2006 noch auf 42 Prozent aller Beschäftigten in Deutschland zu, waren es 2016 schon 56 Prozent, heißt es in dem Papier, das tagesschau.de vorliegt. Je größer der Betrieb, desto höher die Wahrscheinlichkeit, dass es dort Regelungen zu Arbeitszeitkonten gibt.
Trend zu mehr Flexibilität

„Das ist ein deutlicher Anstieg, man kann hier eindeutig einen Trend erkennen“, sagt Enzo Weber vom Institut für Arbeitsmarkt- und Berufsforschung (IAB), der Forschungseinrichtung der Bundesagentur für Arbeit. Was die reinen Zahlen noch nicht verraten: Wem nützen diese Arbeitszeitkonten nun? Für Jutta Krellmann, gewerkschaftspolitische Sprecherin der Linksfraktion im Bundestag, ist die Antwort klar: „Für die meisten Beschäftigten ist ist Flexibilität eine Einbahnstraße. Je nach Auftragslage arbeiten sie bis zum Umfallen oder müssen fremdbestimmt zu Hause bleiben.“ Die unternehmerischen Risiken würden auf die Beschäftigten verlagert.

Ob Krellmann mit dieser Einschätzung richtig liegt, ist nicht ganz leicht herauszufinden. Es gibt allerdings eine Reihe von Indizien, die darauf hindeuten. Am aussagekräftigsten ist eine Studie vom IAB, die Arbeitsmarktforscher Weber und Kollegen zu genau dieser Frage durchführten. Sie haben untersucht, welche Indikatoren bei unterschiedlichen flexiblen Arbeitszeitmodellen bestimmend sind. An keiner Stelle bestimmten die Beschäftigten selbst hauptsächlich über ihre Arbeitszeit. Den größten Einfluss hatten Arbeitgeber beziehungsweise die Anforderungen des Jobs und des Betriebs. Weber kommt zu dem Schluss: „Arbeitszeitkonten bieten Flexibilität, das ist an sich nichts Schlechtes. Diese Flexibilität fällt momentan aber deutlich seltener zugunsten der Arbeitnehmer aus. Das sollte uns schon zu denken geben.“
VW-Mitarbeiter in der Auto-Produktion im Wolfsburger Werk. | Bildquelle: dpa
galerie

Bei Produktionsspitzen geht Flexibilität auf Kosten der Arbeitnehmer.

Ein Beispiel aus der Praxis: Wenn ein Autobauer ein neues Modell auf den Markt bringt, arbeiten die Beschäftigten der Produktion nicht nur im Drei-Schicht-Betrieb, sondern auch am Wochenende und an Feiertagen. Auf dem Arbeitszeitkonto werden in dieser Zeit reichlich Plusstunden angesammelt, die zu einem späteren Zeitpunkt abgefeiert werden können. Ob den Arbeitnehmern in dieser Zeit die für die Gesundheit notwendigen Erholungsphasen ausreichen oder ob das Familienleben auf der Strecke bleibt, wird nicht berücksichtigt.

Ausufernde Arbeitszeiten machen unzufrieden

Diese Flexibilität – auch auf Kosten der Ruhezeiten – noch weiter auszuweiten, wünscht sich die Bundesvereinigung der Arbeitgeberverbände schon lange. Ihr schwebt beispielsweise eine maximale Wochenarbeitszeit vor, statt einer Begrenzung von zehn Stunden am Tag. Dass aber gerade dieses große Arbeitspensum in kurzer Zeit sehr belastend für Beschäftigte ist, zeigt auch eien Studie des DGB aus dem Jahr 2017: 46 Prozent der befragten Beschäftigten wünschen sich mehr Mitsprache bei der Arbeitszeitgestaltung. Als Hauptfaktoren für die Unzufriedenheit von Arbeitnehmern werden Nachtarbeit, ausufernde Arbeitszeiten oder ständige Erreichbarkeit genannt.

Wirtschaftsweise rütteln am Acht-Stunden-Tag

Kurz vor dem Start der Metall-Tarifverhandlungen fordern die Wirtschaftsweisen eine Lockerung des Arbeitszeitgesetzes: Mehr Flexibilität sei nötig. | mehr

Ein weiteres Indiz für die Schieflage bei den flexiblen Arbeitszeiten ist die vergleichweise geringe Zahl von Home-Office-Möglichkeiten. Nur neun Prozent der Beschäftigten haben eine solche Vereinbarung mit dem Arbeitgeber, bei der in der Tat die Selbstbestimmtheit des Arbeitens relativ hoch ist. Interessant ist in diesem Zusammenhang, dass dieser Faktor für viele wichtiger ist als die reine Arbeitsmenge: „Die Zufriedenheit ist bei Arbeitnehmern dann besonders hoch, wenn sie selbst über ihre Arbeitszeit bestimmen können. Ob sie länger oder kürzer arbeiten, ist dann zweitrangig, sie wollen aber nicht ständig fremdbestimmt und getrieben sein“, sagt Arbeitsmarktforscher Weber.

Ein Modell mit hoher Selbstbestimmung ist die Vertrauensarbeitszeit. Dabei arbeiten Beschäftigte projektbezogen: Was zählt, ist das Ergebnis zum vereinbarten Termin, nicht aber wann und wo die Arbeit erledigt wird. Auch dieses Modell, das häufig mit Home-Office einhergeht, ist auf dem Vormarsch: Der Anteil der Betriebe mit solchen Regelungen lag 2006 bei 15 Prozent, 2016 schon bei 29 Prozent, wie aus den Daten zu der Kleinen Anfrage hervorgeht. Vor allem Führungskräfte und Hochqualifizierte arbeiten in solchen Modellen. Doch auch hier gibt es eine Kehrseite: Überstunden werden gar nicht mehr gezählt. Wenn die Arbeit in der vorgegebenen Zeit kaum zu schaffen ist, geht es auch hier auf Kosten der Arbeitnehmer.

QUELLE: 28.01.2018

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.