Rede am 1. Mai 2018, Rathausplatz Bünde

Im Folgenden dokumentieren wir den Redebeitrag eines Mitglieds der FAU BIELEFELD von der 1. Mai Demo in
Bünde.

Ralf Burnicki
Über Kapitalismus
Mein Name ist Ralf Burnicki, und ich spreche hier für die Villa Kunterbunt, ich bin Mitglied der Freien Arbeiter- und Arbeiterinnen-Union (FAU) und in mir spricht auch der ehemalige Schlossergeselle. Ich möchte etwas Grundsätzliches ansprechen und über „wahre“ und „falsche“ Bedürfnisse“ reden.



Ich habe mich damals als Lehrling während meiner Ausbildung zum Schlossergesellen (heute: Facharbeiter Metall) gefragt, warum ich mich unwohl fühle, obwohl mir der Umgang mit Eisen und Stahl und die Tätigkeiten als solche (Schleifen, Stanzen, Schweißen, Bohren) durchaus Freude machten. Freude machte mir, dass ich am Ende stets sehen konnte, was ich erreicht hatte, es gab ein klares Ergebnis, und ich hatte damit das Vorgegebene verändert.
Gleichzeitig aber gingen mir der lange Arbeitstag, die körperliche Anstrengung, der Verlust an Lebenszeit von Montag bis Freitag (was die Hoffnung auf ein spannendes Leben aufs Wochenende verschob), der Leistungsdruck, die konkurrenzhafte Atmosphäre untereinander, die ständige Kontrolle von oben sowie die Monotonie der gleichförmigen Arbeit schwer aufs Gemüt.
Am Freitagnachmittag kam man nach Hause, völlig erledigt, und die Knochen taten so weh, dass man nicht wusste, wohin damit. Das Wochenende war dann ganz und gar nicht spannend, weil es vor allem der Notwendigkeit diente, mich schnellstmöglich zu erholen, um Montag wieder fit zu sein für die Arbeitswoche. Als Ersatzmittel für eine spannende Lebenszeit dienten die Angebote der Freizeitindustrie: Anstelle eines freien Lebens ab in den Freizeitpark, anstelle selbstbestimmter Kreativität ab ins Kino und sich berauschen lassen, anstelle eines selbstorganisierten Lebens was ‚Nettes’ kaufen um der Selbstbelohnung und irgendeiner Identitätstiftung willen dafür, dass man eine ganze Woche geschuftet und sich in die bestehende Ordnung eingefügt hatte.

Selbstverständlich waren damals nicht alle Wochenenden so, selbstverständlich waren meine Erfahrungen nicht die aller anderen Menschen, und selbstverständlich gibt es auch durchaus interessante Arbeitsplätze, in denen man sich mit seinen Fähigkeiten aufgehoben fühlt. Und doch lässt sich insgesamt von einem durchaus negativen Arbeitssystem reden, das bis heute existiert und weiterexistieren wird, wenn wir nicht dagegen halten. Ich meine den Kapitalismus.
Eine kapitalistische Gesellschaft ist ökonomiezentrisch, ist orientiert an der Maximierung von Profit, erzieht die gesellschaftlichen Individuen zu Leistungsstreben und Konkurrenzkampf um den Platz am Futtertrog, frei nach dem Motto: Wer hat das schnellste Auto, die neueste Markenkleidung, die stilechteste Wohnung, wer hat in der Schule die beste Note. Folgte man dem Sozialphilosophien Paul Virilio, dann gleichen wir Projektilen, geschossen in die Welt, immer unterwegs und in Eile auf dem Weg zu noch mehr Produktivität, – der Ideologie des Höher, Schneller und Weiter entsprechend. Mit der Leistungsgesellschaft entstehen zugleich Zukunftsängste, ökonomisch (und das meint zugleich gesellschaftlich) nicht mithalten zu können. Auf der anderen Seite verspricht die Gesellschaft immer neue Entlohnungen für nichtgelebtes Leben, und zwar durch Konsum jener Güter, die der Kapitalismus produziert. Kaufe, kaufe, kaufe! So halten wir das System am Leben.

Folgen wir Herbert Marcuse, einem Sozialphilosophen in der Tradition der sogenannten Kritischen Theorie, dann erzeugt der Kapitalismus über seine Konsumindustrie „Euphorie im Unglück“. Denn der Leistungsdruck der Arbeitswelt verlange nach einem psychischen (glücklich machenden) Ausgleich, und diesen erhalten wir über den Kauf von Konsumgütern. Kauf dich glücklich, heißt das Programm. Ein Widersinn in sich, denn um kaufen zu können, muss sich das Subjekt den strikten Bedingungen der Produktion unterwerfen, körperliche und geistige Erschöpfung erdulden und stets leistungsfähig sein. Das Scheinglück wird mit dem Unglück des Alltags erkauft.
Eben das meint Herbert Marcuse, wenn er zwischen „wahren“ und „falschen“ Bedürfnissen unterscheidet. Falsche Bedürfnisse seien solche, die keinem Grundbedürfnis oder sachlichen Zwecken (also „wahren Bedürfnissen“) entspringen, sondern etwas Außenstehendes (‚Drittes‘) ins Spiel bringen, z.B. ein mit einem Produkt verbundenes „Image“, das man mit dem Kauf eines Produktes erwirbt, – eine Art Selbstaufwertung, die nach außen projiziert wird und signalisieren soll, dass wir etwas ‚Besonderes’ seien, also zu den ‚Gewinnern’ gehören. Solche Bedürfnisse seien durch Reklame erzeugt, um den Kreislauf der Wirtschaft zu erhalten, sie haben nichts mit einem glücklichen Leben zu tun, und ihre Verfallszeit ist kurz, damit ein neuer Kaufwunsch entsteht, der die Wirtschaft wiederum ankurbelt.

Wie sind angesichts dessen gewerkschaftliche Forderungen nach mehr Lohn einzuschätzen? Sicherlich (unter den gegenwärtigen Bedingungen) auch nach Marcuse als bedeutsame Forderung, um die Versorgung der Menschen zu gewährleisten, dabei ginge es um die aus seiner Sicht „echten“ Bedürfnisse. Mehr Lohn bildet einen Ausgleich zu Inflation und laufenden Kosten. Aber es kann nicht darum gehen, kapitalistischen Konsum zu steigern, denn – so Marcuse – der ist eben nur Euphorie im Unglück. Wir können daher als gewerkschaftlich orientierte und als politische Menschen keineswegs bei einer Forderung nach mehr Lohn stehen bleiben. Denn es geht ums Ganze.
Es geht um das Ziel eines selbstbestimmten Lebens, um die Zurückweisung einer ökonomiezentrischen und oft hierarchischen Lebenswelt. Deshalb spricht sich Marcuse aus für ein direktdemokratisches Modell von Gesellschaft, in welchem der Mensch die Sphäre der Wirtschaft bestimmt und nicht umgekehrt die Wirtschaft die Sphäre des Menschlichen.
Richtig sei es, wenn nicht die Gesellschaft uns prägt, sondern die Menschen die Gesellschaft. Dieses Umkehrungskonzept könnte im Übrigen für alle Lebensbereiche gelten, also in den Bereichen der Bildung, des Städte- und Wohnungsbaus, der Institutionsorganisation usf., und eigentlich ergäbe sich hierdurch eine Umwälzung in eine womöglich herrschaftsfreie Gesellschaft. Die gegenwärtige Ökonomie hingegen forciert Unglück und Futterneid, weil sie davon lebt. Aber wie hält man dagegen? Indem wir das kritische Bewusstsein stärken und uns zusammentun, um gemeinschaftlich die Richtung zu ändern. Stehen wir zusammen, ändern wir die Welt. Gründen wir Genossenschaften, Arbeiter*innen-Selbstverwaltung und selbstbestimmte Institutionen. Kapitalismus abschaffen.
Danke für die Aufmerksamkeit.

Rede am 1. Mai 2018, Rathausplatz Bünde

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