[Leben ohne Chef …] Chef sind hier alle: Junge Frauen gründen ersten Kollektiv-Laden in Jena


Es ist schön über Neugründungen von Kollektiven zu lesen, weshalb uns das auch einen Verweis auf einen Artikel vom 09.10.18 in der Ostthüringer Zeitung wert ist. Vor allem wenn es Hintergrundwissen und einen Verweis auf die UNION COOP gibt. Die FAU Bielefeld wünscht auf jeden Fall viel Spaß und Kraft.

 


„Jena. Eine Schaufensterpuppe im schicken Pullover, daneben ein paar Kleinigkeiten, die jedes modische Outfit abrunden – das reicht, um die Schaufensterguckerinnen zu verleiten, die Ladentür aufzudrücken. Drinnen zieht ein buntes Allerlei von Blusen, Shirts und Kleidern auf runden Kleiderständern die Blicke auf sich. Gleichzeitig zieht einem der Duft nach frisch gebrühtem Kaffee in die Nase und ein freundliches „Hallo“ begrüßt die Kundschaft im kleinen Laden in der Zwätzengasse 8/9. „Kleidung aus zweiter Hand, Kaffee und Kuchen“ offeriert der neue Laden in der kleinen Gasse, die durch Bauzäune und Haufen von Pflastersteinen gerade noch schmaler ist.

An diesem Tag sind Katharina Vogels und Maria Döbert die guten Geister hinter dem Tresen, die im „Ketzal“ den Kunden Kaffee, Cappuccino oder Latte Macchiato kredenzen, dazu ein Stück frisch gebackenen Kuchen – und die die Besucher zum Stöbern in den Regalen und an Kleiderständern auffordern. „Wir finden, Kleidung, Kaffee und Kuchen passen perfekt zusammen, nicht nur, weil man bei einer Tasse Kaffee mit einer Freundin gut über Klamotten und alles was dazu gehört, reden kann“, sagt Katharina Vogels. Auf die Idee, einen Laden für hochwertige Bekleidung aus zweiter Hand zu eröffnen, sei sie gekommen, weil sie für sich selbst lange vergeblich so etwas in Jena gesucht hatte. Das ganze mit einem kleinen Café zu kombinieren, sei dann eine folgerichtige Entscheidung gewesen, berichtet sie. Dass dieser Bereich des Ladens über eine große Kinderecke mit Schaukel-Schaf und allerlei verlockenden Spielsachen verfügt, ebenso. Denn, wer kleine Kinder hat, wisse, wie anstrengend es sei, mit diesen auf dem Arm oder an der Hand etwas zum Anziehen einzukaufen oder einen Kaffee zu trinken „Hier ist Platz genug zum Spielen, und hier dürfen Kinder auch einmal herumhopsen, während die Mama etwas aussucht, anprobiert oder sich eine Kaffee-Auszeit gönnt“, ergänzt Maria Döbert.

Wer sich beteiligt, soll auch mitentscheiden

Und noch etwas unterscheidet „Ketzal“ von anderen Läden – Katharina Vogels ist zwar Initiatorin des Projektes und hat auch den Mietvertrag für das Ladengeschäft unterschrieben. Sie ist jedoch nicht alleinige Inhaberin. „Wir wollen hier den ersten Kollektiv-Laden in Jena betreiben“, erklärt sie. Sieben junge Frauen, von Beruf Historikerin, Erzieherin oder Sozialarbeiterin, haben sich das vorgenommen. „Als Geschäftsführerin hier vielleicht Studenten als billige Arbeitskräfte anzustellen und damit das große Geld zu verdienen, das wollte ich nie, ich bin der Meinung, dass es da eine Alternative geben muss“, begründet sie ihre Einstellung.

Die Idee eines kollektiv geführten Geschäftes oder Unternehmens sei ja nicht ganz neu. Aber sie erlebe gerade so etwas wie eine Renaissance. In Berlin, Leipzig, Köln und anderen großen Städten gebe es viele funktionierende Beispiele. „Warum soll so etwas nicht auch hier klappen?“, fragen sie. Nicht jeder, der bei ihrem Projekt mit macht, wolle damit allein seinen Lebensunterhalt bestreiten. Aber Ideen einbringen und umsetzen, etwa bei der Geschäftseinrichtung oder beim Marketing für den Kollektiv-Laden. „Und wer sich beteiligt, soll auch mitentscheiden können, wie der Laden läuft“, sagt Vogels. „Wir arbeiten hier nicht für einen großen Chef,sondern Chef sind wir alle“.

Vieles habe dabei mit Nachhaltigkeit und Verantwortung für das große Ganze zu tun. „Wir kaufen zum Beispiel unseren Kaffee bei einer Kooperative in Hamburg ein, die kleine Kaffeebauern in Afrika und Lateinamerika unterstützt. Und wir verkaufen keine Kleidung, die offensichtlich billig auf Kosten der Produzenten in Asien oder Südamerika hergestellt wurde“, erklärt Vogels.

Ihren Laden wollen die jungen Frauen künftig auch anderen Vereinen oder Initiativen zur Verfügung stellen, etwa für Treffen oder Lesungen.

Geschichte der Kollektiv-Unternehmen

Schon 1830 entstanden, zuerst in England, dem Heimatland der Industrialisierung, Kommunen und Kooperativen, die die Möglichkeit eines selbstverwalteten Lebens und Wirtschaftens beweisen oder der Arbeiterbewegung ökonomisch unter die Arme greifen sollten. Auch Gewerkschaften griffen damals den Gedanken auf, um ihren arbeitslosen oder im Streik ausgesperrten Mitgliedern ein Auskommen zu bieten und Arbeitskämpfe besser durchzustehen. Der Ursprung der Wohnungsgenossenschaften geht ebenfalls auf diese Geschichte zurück.

In den 1970er Jahren lebte der Gedanke, beflügelt durch die gegenkulturelle Revolte von 1968, wieder auf. Wohngemeinschaften, Zeitschriften, Kinderläden oder Kneipen wurden kollektiv geführt. Mitte der 1980er Jahre sollen bundesweit mehrere Zehntausend Menschen in gut 4.000 Kollektiven gearbeitet haben.

In jüngster Vergangenheit erlebt die Idee kollektiv geführter Unternehmen eine kleine Renaissance. Ohne Chef zu arbeiten, basisdemokratisch und selbstorganisiert, Entscheidungen gemeinsam zu treffen und Verantwortung und Gewinne zu teilen, scheint Kritikern kapitalistischer Produktions- und Marktmechanismen eine lohnenswerte Alternative.

Kollektiv-Betriebe schließen sich zu Netzwerken und Föderationen zusammen, Beispiele sind: www.union-coop.org und www.netz-bb.de .“

Quelle

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