[Transnationale Vernetzung] Solidarität mit Näherinnen in Katunayake und Jakarta

Stellungnahme des Bündnisses bestehend aus den lokalen Syndikaten der Basisgewerkschaften Freie Arbeiter*innen Union (FAU) Hamburg und Industrial Workers of the World (IWW) sowie der Initiative Schwarz-Roter 1.Mai HH.

Wir alle haben schon einmal H&M Klamotten getragen. Und wir alle haben von dem verheerenden Brand in der Textilfabrik Rana Plaza nahe der Hauptstadt Dhaka gehört, bei dem am 24. April 2013 genau 1.135 Menschen ums Leben gekommen sind. Die Zustände in den Nähereien in Südostasien und darüber hinaus sind nachwievor katastrophal und auch
H&M nutzt unzählige dieser Fabriken, unter anderem in Sri Lanka und Indonesien, um
günstige Kleidung anbieten zu können. Als Gewerkschaft unterstützen wir die Forderungen der Näherinnen nach besseren Arbeitsbedingungen.


Konkret sind wir mit zwei Gewerkschaften in Südostasien vernetzt: Mit dem Dabindu
Collective in Katunayake (Sri Lanka) sowie mit der Inter-Factory Workers‘ Federation (FBLP) in Jakarta (Indonesien). In beiden Organisationen sind jeweils mehrere hundert Näherinnen organisiert.
Die Kundgebung vor der H&M-Filiale am 02. Mai ist wichtig, da dieses Unternehmen weltweit einen wirtschaftlich relevanten Akteur in der Branche darstellt und somit für die
Arbeitsbedingungen der Näherinnen mitverantwortlich ist. Auf den folgenden Seiten wollen
wir die Forderungen der gewerkschaftlichen Organisationen genauer vorstellen.
Wir, das sind ein Bündnis bestehend aus den lokalen Syndikaten der Basisgewerkschaften Freie Arbeiter*innen Union (FAU) und Industrial Workers of
the World (IWW) sowie der Initiative Schwarz-Roter 1.Mai HH.
Im Rahmen einer transnationalen Vernetzung (Global May Day) sind wir die solidarischen Partnerschaften mit den beiden gewerkschaftlichen Organisationen eingegangen.

Katunayake

Die Fabriken befinden sich in einer sogenannten Export Processing Zone; eine
Freihandelszone, in welcher andere Gesetze gelten, als außerhalb. Hier ist die Bezahlung der Arbeiterinnen schlechter und Gewerkschaften haben es noch schwerer als sonst. Die
Freihandelszonen wurden vom Staat errichtet, um ausländische Investoren anzulocken.
Produziert wird für den Export, und geworben wird mit kostenloser Infrastruktur und
Steuerbefreiungen, aber auch mit „flexiblen, leicht manipulierbaren Arbeitskräften“, deren
Arbeitsrechte in den Zonen kaum geachtet werden. 75 bis 80 Prozent der Arbeiterinnen in
den Bekleidungsfabriken sind ledige Frauen unter 30 Jahren, die ihre Dörfer in den ländlichen Gegenden verlassen haben, um in den Freihandelszonen zu arbeiten. Die meisten unterstützen mit dem Lohn ihre Familien. [Quelle: ExChains.org]
Deshalb unterstützen wir die Näherinnen, die im Dabindu Collective organisiert sind, bei
ihren Kernforderungen:

Löhne zum Leben! – Arbeitsstunden reduzieren bei gleichzeitigem Lohnausgleich!

12-Stunden Arbeitstage sind aktuell die Regel.
Der gesetzliche Mindestlohn beträgt 15.500 LKR (das entspricht etwa 78 €), mit Überstunden und Bonuszahlungen kommen Näherinnen auf ein Gehalt von 100 – 125€ monatlich! Das reicht nicht zum Leben – auch nicht in Sri Lanka.
Deshalb fordert das Dabindu Collective den 8-Stunden Arbeitstag für umgerechnet 273€
Monatslohn!

Stopp sexueller Übergriffe (Gender-Based Violence)!

Das Dabindu Collective fordert von H&M eine eindeutige Definition von Gender-Based Violence (GBV) in ihrem Verhaltenskodex (Code of Conduct). Außerdem soll die Thematik eindeutig in Geschäftsverträgen mit den Lieferanten festgeschrieben und Entwicklungen in diesem Bereich regelmäßig evaluiert werden.

Selbstorganisation stärken!

Die Näherinnen fordern die Garantierung gewerkschaftlicher Organisierung ohne Repression sowie die Etablierung von Frauenkomitees in den Fabriken.

Jakarta

FBLP ist aktiv im KBN (Industriepark für Kleidungsfabriken) in Nord-Jakarta. Dort arbeiten
etwa 38.000 Menschen. Im Jahr 2011 gab es noch sehr erfolgreich spontane Streiks in den Nähfabriken.
Diese Form der direkten Aktion wurde jedoch sogar mit Unterstützung einzelner
Gewerkschaftsfunktionäre anderer Gewerkschaften für illegal erklärt. Es gibt eine weit verbreitete Angst vor Repressionen (meist in Form von Entlassungen).
In der Regel haben die Lohnabhängigen in den Fabriken 3-Monatsverträge, illegalerweise auch nach 3 Jahren Beschäftigung. Der aktuelle monatliche Durchschnittslohn beträgt 3,6 Millionen Rupiah. Das entspricht in etwa 225€, aber selbst das ist offensichtlich noch zu viel: Die KBN Fabrik, betrieben von PT Hansea Indonesia Utama, wird aktuell geschlossen und die Aufträge in eine Fabrik in Central Java (ein weiterer Standort des selben Unternehmens) verlagert, da dort die Produktionsbedingungen besser – also die Löhne noch geringer – sein sollen. PT Hansae Indonesia Utama ist eine Tochterfirma der Hansea Co. Ltd, welche ihren Sitz in Seoul (Südkorea) hat und bereits in der Vergangenheit wegen skandalöser Arbeitsbedingungen in ihren Fabriken Schlagzeilen machte.

Viele Näherinnen wurden über Jahre auf Grundlage von kurzfristigen Verträgen, welche
ständig erneuert wurden, eingestellt. FBLP fordert, dass Kolleginnen, die 3 Jahre für PT
Hansae Indonesia Utama gearbeitet haben, auch rückwirkend als unbefristete Arbeitskräfte eingestuft und entsprechend entschädigt werden!

Wir unterstützen die Bemühungen der FBLP, dass alle durch die Schließung der Fabrik
betroffenen 450 Näherinnen ordentlich entschädigt werden! Um dies zu erreichen, legen
die Näherinnen vom 30.04. – 03.05.2019 die Arbeit nieder und treten in einen Streik.
Sowohl das Dabindu Collective als auch FBLP erwarten, dass H&M mit ihnen Kontakt
aufnimmt, um Lösungen, die auch im Interesse der Näherinnen sind, zu finden.



.Dabindu Collective
Gegründet: 1984
Anzahl von Mitgliedern: ca. 750

Schwerpunkte: Feministische Organisation in der sich Näherinnen in der Freihandelszone von Katunayake aufeinander solidarisch beziehen und sich für ihre Interesse einsetzen können. Empowerment von Näherinnen durch Bildungsangebote. Propagierung von Menschenrechten für (lohnabhängige) Frauen.

Inter-Factory Workers‘ Federation (FBLP)
Gegründet: Juni 2009
Anzahl von Mitgliedern: ca. 1.500

Schwerpunkte: Entfristung von Verträgen, (sexualisierte) Gewalt/Diskriminierung
gegen Arbeiterinnen und LGBTQ Strukturen: Media Department, Women Section, Advocacy Section, Research and Development Section, Organizer Section.
Als Teil ihrer Arbeit hat FBLP ein Community Radio etabliert. Dieses wird von
weiblichen Lohnabhängigen für weibliche Lohnabhängige betrieben und heißt Marsinah Radio.

H&M Hennes & Mauritz B.V. & Co. KG (Mutterkonzern: H & M Hennes & Mauritz AB)
Gegründet: 1947 mit Sitz in Stockholm (Schweden)

Textilhandelsunternehmen mit einem Nettoumsatz von 20,76 Milliarden Euro im
Geschäftsjahr 2016/2017. Etwa ein Viertel des Umsatzes wird in Deutschland gemacht,
womit Deutschland als wichtigster Markt des Unternehmens gilt. H&M besitzt keine
eigenen Produktionsstätten, sondern lässt die Ware vor allem in Asien produzieren.
Wo für H&M gearbeitet wird, sind die Bedingungen schlecht. Bei S.I. Cobas (italienische Partnerorganisation/Global May Day) organisieren sich Lagerarbeiter*innen des Warenlagers in Stradella, einem der wichtigsten Verteilzentren des schwedischen Bekleidungsgiganten. Sie forderten 2017 ein Ende der befristeten Teilzeitverträge mit denen die Arbeiter*innen unter Druck gesetzt werden, planbare Arbeitszeiten und echte
Organisationsfreiheit.
Auch bei H&M In Deutschland: Arbeit auf Abruf, Befristungen, Bekämpfung von
Betriebsratsarbeit. Alles Mittel, um Organsisierung zu erschweren, Löhne zu drücken.
In Deutschland gibt es seit der Agenda 2010 (Hartz 4 u.a.) den größten Niedriglohnsektor Europas. Die unerträglichen Arbeitsbedingungen in den Fabriken Südostasiens, oder z.B. auch der Türkei, sind ein Ausdruck der (Abwärts-)Konkurrenz. Der Kampf für bessere Löhne und Arbeitsbedingungen hier, ist eine Möglichkeit praktischer Solidarität mit Arbeiter*innen weltweit.

Für eine Vernetzung innerhalb der Wertschöpfungskette!

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