[Geschichte der Bewegung] DenkMal über Anarchismus nach!

Aufruf zur Mitarbeit an dem Projekt „Geschichte der Bakuninhütte“

Die Geschichte der anarcho-syndikalistischen Bewegung, insbesondere der Bakuninhütte bei Meiningen, soll offen erforscht und verbreitet werden – auch von dir!

Als vor 100 Jahren die Wirtschaft kriegsbedingt am Boden lag und der Staat weder Willens noch in der Lage war, für das Wohl der Menschen zu sorgen, waren viele dazu gezwungen, sich selbst zu helfen. Um der Not zu entkommen, kam es vielerorts zu Hamsterfahrten und Plünderungen, besonders in den Großstädten. Das Ideenspektrum der damals noch jungen anarchistisch-syndikalistischen Bewegung entwickelte sozialverträglichere, kollektivistisch-genossenschaftliche Alternativen zur Überwindung der vielfältigen Probleme der Bevölkerung. Kollektive Ansätze wie Suppenküchen in den Städten und genossenschaftliches Wirtschaften auf dem Land entsprangen der grundsätzlichen Überzeugung, dass solidarisches Handeln zielführender sei als eigennützige, individualistische Orientierungen.

Als im südthüringischen Meiningen 1919 kriegsmüde Arbeiter*innen eine anarcho-syndikalistische Ortsgruppe gründeten, wollte niemand Geschichte machen, sondern ganz alltägliche Probleme mit emanzipatorischen Ansätzen lösen. Mit kollektiven Kräften gelang es, ein Stück Land zu erwerben und fünf Jahre lang zur Selbstversorgung zu bewirtschaften. Anschließend begannen die lokalen Aktivist*innen mit Hilfe überregionaler Unterstützung ein „Ferien- und Schulungsheim der anarcho-syndikalistischen Bewegung“ zu errichten. In mehreren Ausbaustufen entstand ein stattliches Stein- und Fachwerkhaus, umgeben von einer parkähnlichen Anlage. Als lokales Ausflugsziel und überregionaler Veranstaltungsort machte sich die Bakuninhütte einen bis heute erhalten gebliebenen Namen als Beispiel für eine antiautoritäre politische Praxis, bis die Nationalsozialisten auch dieser Oase der Freiheit den Garaus machten.

Nach dem Ende der DDR meldeten viele politische und private Initiativen Interesse an der Nachnutzung des Hauses an. 2006 gelang es schließlich dem Geschichts- und „Wanderverein Bakuninhütte e. V.“ das Grundstück zu erwerben, der sich seitdem für den Erhalt und die Wiederbelebung des Gebäudes wie auch des dazugehörigen Geländes engagiert. Auf dem Vereinsgrundstück und im angrenzenden Ort Meiningen fanden und finden vielfältige Aktivitäten, wie Wanderungen, Vorträge, Seminare und auch schon eine Fachtagung statt. Neben der Renovierung und der Wiedernutzbarmachung des Gebäudes und des dazugehörigen Grundstücks stehen vor allem die Erforschung und Veröffentlichung der Geschichte des Ortes im Vordergrund. Nach mehrjähriger Arbeit konnte das Gebäude im Jahre 2015 als Kulturdenkmal eingetragen werden. Aktuell geht es deshalb darum, diesen in Deutschland einzigartigen Ort in seiner Bedeutung (neu) zu entdecken: sowohl auf historischer, lokaler und überregionaler Ebene, als auch für die aktuelle Entwicklung hin zu einem basisdemokratischen Lernort in Thüringen.

Alle Interessierten sind daher dazu aufgerufen, im Rahmen einer Forschungswoche im September gemeinsam die Geschichte(n) des Ortes zu sammeln und ggf. auch öffentlich zu machen. Die Grundlagen hierfür bietet die historische Sammlung im Vereinsarchiv der Bakuninhütte. Einige Originalquellen wie das Gästebuch, die Bibliothek und mehrere Dutzend historische Fotografien haben die Nazis und den real existierenden Sozialismus überlebt. Durch akribische Recherchearbeit gelang es dem Verein über Nachfahren der damaligen Benutzer*innen an einige Originale zu kommen, diese Quellen zu archivieren und zum Teil aufzuarbeiten. Daraus hervorgegangen sind bereits zwei Ausstellungen, diverse Veröffentlichungen und zwei universitäre Abschlussarbeiten: Eine hat damit begonnen, das historische Gästebuch auszuwerten – erste Ergebnisse stehen demnächst online zur Verfügung; die zweite Arbeit beschäftigt sich aus Perspektive des Denkmalschutzes eingehend mit der Bakuninhütte.

Diese Vorarbeiten sollen aber nur die Grundlage der Erforschung der Geschichte dieses Ortes darstellen. Das dem Ort innewohnende Potential für eine anarchistische Bewegungsgeschichte soll mit einem emanzipatorischen, möglichst hierarchiefreien Projekt erforscht werden. Im Sinne einer „Geschichte von unten“ sollen möglichst viele Quellen, Stimmen, Perspektiven und Ideen mit einbezogen werden. Schließlich ist es unser Ziel, die Geschichte des Ortes (mit Fokus auf die anarchistische Nutzungsphase bis 1933) umfassend zu erforschen.

Mit diesem Aufruf wollen wir möglichst viele Interessierte, egal ob Anarchos oder Historiker*innen (der neuesten Geschichte), ob Soziolog*innen oder Philosoph*innen, (historische und zeitgeschichtliche) Archäolog*innen oder Geograph*innen, alles zusammen oder auch nichts davon, für dieses Projekt begeistern. Egal mit welchem Anspruch, wer Lust darauf hat, diese vergessene Episode der libertären Bewegung gemeinsam mit vielen anderen Menschen an einem schönen Ort wieder ans Tageslicht und ins eigene und öffentliche Bewusstsein zu rufen, soll sich angesprochen fühlen.

Die Erforschung der Geschichte dieses lange übersehenen Denkmals der anarcho-syndikalistischen Bewegung in Deutschland soll dabei nicht nur als wissenschaftliche, sondern ebenso als politische Angelegenheit verstanden werden. Ziel ist es, nicht ausschließlich irgendwelche wissenschaftlichen Papers zu produzieren, sondern vor allem wollen wir hierarchiekritische Methoden der Wissensproduktion gemeinschaftlich entwickeln und einüben.

Der Ausspruch, dass die Geschichte immer von den Herrschenden geschrieben wird, ist mittlerweile zur Floskel verkommen. Es obliegt kritischen Individuen diesen Zustand aufzuheben und die Geschichten von Unterdrückung, Widerstand und Verfolgung nicht zu vergessen und zu einer Fußnote der Geschichtsschreibung verkommen zu lassen. Dafür ist es unerlässlich, sich einerseits den wenig beachteten Teilen der Geschichte zu widmen, andererseits auch die verwendeten Fragestellungen, Methoden und Konzepte kritisch zu hinterfragen und hegemoniale Machtverhältnisse nicht zu reproduzieren. Emanzipatorische Bewegungen und widerständige Aktionen von Gruppen und Individuen sind wesentlicher Teil der Geschichte und lassen sich in allen Epochen nachweisen. Für das Selbstverständnis heutiger Aktivist*innen ist die Beschäftigung mit der eigenen Geschichte ein wichtiger Bestandteil der Bewusstseinsbildung. Dabei gilt es nicht in blinder Nostalgie zu schwärmen oder eigene Mythen zu (re)produzieren, sondern mit einem kritischen Blick aus dem Vergangenen zu lernen, um mit mehr Selbstbewusstsein gestärkter in aktuelle politische Auseinandersetzungen gehen zu können.

Deswegen rufen wir dazu auf vom 01.09. bis zum 08.09.2019 gemeinsam an der Bakuninhütte Ideen zu sammeln, wie dieses Projekt angegangen werden kann. Es geht um kollektives Brainstorming für das Ausloten gemeinsamer Ziele und um die Einführung in hierfür relevante Themen. Im Idealfall entstehen hieraus Vorbereitungen und Pläne für spätere Aktivitäten.

Vorläufige Konzeption/Ideensammlung für die Woche:

  • Inputreferat zur Bakuninhütte und zum Anarcho-Syndikalismus in Deutschland

  • Inputreferat zur „Geschichte von Unten“

  • Begehung eines Erich-Mühsam-Gedenkweges

  • Herausarbeiten von Biografien, die mit der Hütte in Verbindung standen

  • Exkursion zu geschichtsträchtigen Orten der Umgebung

  • Zeit am Lagerfeuer und in der Hängematte etc.

  • u.v.m.!

Workshops zu

  • Wie können anarchistische Forschungsansätze (Geschichte, Archäologie, Geographie usw.) aussehen?

  • Zeitgeschichtlicher Archäologie

  • Beispiele zu Forschungen an Orten des Widerstands (z.B. https://www.du.edu/ludlow/cfarch.html)

Was wollen wir von euch?

  • Könnt ihr euch vorstellen in der Organisation und Planung mitzuarbeiten?

  • Habt ihr Interesse in der KW 36 (1.9. bis 8.9 oder auch einzelne Tage!!!) euch zu beteiligen? Was könntet ihr euch vorstellen einzubringen, habt ihr spezielle Kenntnisse (absolut nicht Voraussetzung), oder hättet ihr einfach Lust eine Woche auf einem schönen Grundstück zu verbringen und mit interessierten Menschen rumzuhängen?

  • Wollt ihr über Neuigkeiten informiert werden? Zur Anmeldung beim Newsletter melde dich bei: geschichtederbakuninhuette@lists.riseup.net

  • Habt ihr Anregungen/Ideen/Fragen? –> schreibt uns!

  • Verbreitet den Aufruf an geeignete Kanäle!

Für Anmeldungen, Kritik und Fragen schreibt uns an!

Mit herrschaftskritischen Grüßen

AG Geschichte der Bakuninhütte

Quelle

 

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