[FAU Mannheim] Organizing-Hinweise an mein früheres Ich

Den folgenden Beitrag hat die FAU Mannheim aus dem insgesamt sehr empfehlenswerten US-amerikanischen und den Industrial Workers of the World nahestehendem Blog organizing.work übersetzt. Die FAU Bielefeld freut sich sehr diese praktischen und (Arbeits-)lebensnahen Tipps für Möglichkeiten der Selbstermächtigung der lohnabhängingen Klasse an dieser Stelle hervorzuheben und der Autor dieser Zeilen findet die Punkte ziemlich KLASSE!


Der Autor, der anonym bleiben möchte, hat mehrere Jahre als Organizer für die größten US-Gewerkschaften im Öffentlichen Dienst gearbeitet, bevor er Lehrer in einer Großstadt wurde. Er organisiert sich mittlerweile mit seinen MitarbeiterInnen und SchülerInnen, vor allem für die Bildungsfinanzierung und Führerscheine für papierlose MigrantInnen.

Ich habe darüber nachgedacht, welche Hinweise ich mir selber vor zehn Jahren gegeben hätte, um im Organizing aktiv zu werden. Ich habe viele Fehler gemacht und viel gelernt. Also: Hier ist das, was ich basierend auf meinen Fehlern und Erfahrungen zu sagen hätte. Ein paar Dinge, an die ich mich auch selber immer wieder erinnern muss, es ist nicht so, dass ich immer gut wäre in dem, was ich da mache.

 

  1. Organisiert euch für klare, erreichbare Ziele, die Maßstäbe haben und Möglichkeiten, den Erfolg zu prüfen. „Katharsis“ oder „Erhöhung der Awarness“ sind keine messbaren Ziele. Organisiert euch und die anderen für Dinge, die das Leben der Menschen verbessern.
  2. Es geht nicht darum, zu Aktionen, Protesten oder Kundgebungen zu gehen. Die können manchmal gut tun, aber es gibt eine Tendenz dazu, den Protest als „wenigstens etwas tun“ wahrzunehmen und von Aktion zu Aktion zu rennen.
  3. Hört auf die Meinungen der Leute. Hört den Menschen erst zu. Schaut euch an, wo sie stehen. Beachtet ihre Probleme. Spekuliert nicht, welche Meinungen oder Probleme die Leute haben könnten.
  4. Organisiert euch nicht nur mit Menschen aus den Subkulturen, Szenen und sozialen Gruppen, die euch nahe stehen. Das führt dazu, dass sich Menschen, die nicht Teil dieser Kultur sind, nicht eingeladen fühlen.
  5. Laßt euch nicht in megaideologische, dogmatische Zwistigkeiten verwickeln. Die Menschen scheren sich nicht um kleine Zankereien darüber, was 1936 passiert ist oder eurer Spaltung von und mit wem auch immer. Das ist als Hobby interessant, die Theorie und Geschichte, und vielleicht auch informativ und inspirierend, aber die Linke ist zu besessen von der Ideologie als Identität. Präsentiert eure Methodik durch die Art, wie ihr euch organisiert.
  6. Respektiert den kollektiven Prozess. Arbeitet Meinungsverschiedenheiten gemeinsam durch. Plant Dinge kollektiv.
  7. Klopft an Türen, führt Telefonate, kontaktiert die Menschen. Benutz keine virtuellen („sozialen“) Medien für die Organisierung.
  8. Seid konsequent. Wie der Trommelschlag. Seid pünktlich. Tut das, von dem ihr gesagt habt, dass ihr es machen werdet.
  9. Schreibt die Leute nicht ab, weil sie zu irgendetwas eine abweichende Position haben. Laßt die Leute nicht alleine und vergesst sie nicht. Die Leute sind nicht entbehrlich.
  10. Sprecht nicht die Menschen im Raum an, die bereits eine Autoritätsposition haben. Organizer gehen zu oft in einen Raum und setzen bei den Leuten an, die schon relativ viel Macht haben.
  11. Die Macht liegt in den Werkshallen, nicht in den Sitzungsräumen. Organisiert von unten nach oben.
  12. Fragt nicht um Erlaubnis.
  13. Seid nah dran an den ArbeiterInnen.
  14. Baut die Organizing-Fähigkeiten von SchülerInnen und Studierenden auf. Sprecht mit SchülerInnen wie mit Erwachsenen, auch wenn ihr euch bewußt seid, dass ihr LehrerInnen seid, denn es geht darum, echte Beziehungen einzugehen. Laß‘ sie lachen.
  15. Habt keine Angst, anderer Meinung zu sein, aber macht euch nichts draus.
  16. Bezieht die Menschen mit ein und lasst sie sich willkommen fühlen, nähert euch ihnen, fragt, wie es den Kindern geht und so Sachen.
  17. Kümmert euch nicht in erster Linie um die Ausstattung der Organisation. Poster, Newsletter und virtuelle Medien sind toll, aber ihr bekommt keinen Nachtisch, wenn ihr euer Gemüse nicht gegessen habt.
  18. Organisiert die Arbeiterklasse, nicht die Linke.

Quelle

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