[INTERNATIONALES] Die Kranführer*innen aus Warschau und Masowien sagen: Schluss mit den Niedriglöhnen!

Seit dem 19. April protestieren Kranführer*innen in Warschau für bessere Arbeitsbedingungen und höhere Löhne; in der Folge schlossen sich Kolleg*innen aus weiteren Städten an

„Am 19. April begann der Protest der Kranführer*innen aus der Woiwodschaft Masowien. Die Protestierenden fordern den Abschluss einer Vereinbarung zur Regelung der Beschäftigungsbedingungen und der Löhne in der Baubranche. Ungefähr 1/4 der Kranführer*innen in Warschau (d. h. 50 Personen) unterschrieb einen Aufruf, der die Forderungen des Warschauer Betriebsübergreifenden Bauausschusses der IP unterstützt [s. u.], und protestiert in Form von Urlaub auf Verlangen, Arbeitsverweigerung oder der Teilnahme an Streikposten vor den Büros der wichtigsten Firmen-Eigentümer*innen von Kränen (Herkules, Layster Group, Trinac Polska). Sowohl die Firmen-Eigentümer*innen der Kräne, als auch die Vermittler*innen, die für die Beschäftigung der Kranführer*innen verantwortlich sind, erhielten Schreiben, die die Aufnahme von Verhandlungen über eine Vereinbarung zur Regelung der Arbeitsbedingungen und der Entlohnung in der Baubranche forderten. Falls sie unbeantwortet bleiben, werden in den kommenden Tagen weitere Protestaktionen stattfinden.

Die Vereinbarung, die die Kranführer*innen fordern, soll drei wesentliche Punkte enthalten:

  • die Garantie eines Mindeststundenlohns für Kranführer*innen in Höhe von 37 Zł brutto, also das Doppelte des nationalen Mindeststundenlohns,

  • die Einführung eines ‚Höhenzuschlags‘ (drei Zł brutto pro Stunde für die Arbeit auf Kränen, die höher als 60 m sind),

  • die Garantie von Arbeitsverträgen für alle Kranführer*innen.

Hauptgrund des Protests sind die sinkenden Einkommen: Im vergangenen Jahr schwankte der Nettostundenlohn der Turmkranführer*innen in Warschau zwischen 27 und 37 Zł. Momentan bekommen sie pro Arbeitsstunde zwischen 16 und 23 Zł ‚auf die Hand‘. Die Löhne der Kranführer*innen fielen also in einem Zeitraum, in dem der Boom in der Baubranche anhält, um ungefähr 1/4. Im Vergleich zum Vorjahr stieg der Durchschnittspreis für einen Quadratmeter Wohnraum auf dem Primärmarkt um 7% und überschritt die Marke von 10.000 Zł. Die Mehrheit der Baufirmen verzeichnete im letzten Jahr Gewinne von 50 bis 300 Mill. Zł. Genauso gute Ergebnisse notierten die Subunternehmer*innen – z. B. verzeichnete die Firma Hercules, Haupteigentümerin von Turmkränen in Masowien, in den ersten neun Monaten des Jahres 2020 einen Nettogewinn in Höhe von 2,7 Mill. Zł.

Neben den niedrigen Löhnen ist das wesentliche Problem in der Baubranche die Nichteinhaltung der Arbeitsschutzvorschriften: Theoretisch dürfen Kranführer*innen täglich nicht länger als acht Stunden arbeiten, in der Praxis gibt es allerdings nur selten eine Baustelle, auf der diese Vorschrift befolgt wird. Das ist das Ergebnis des Drucks der Bauunternehmen, der Bauleiter*innen sowie der Firmen, die die Beschäftigung als Kranführer*in vermitteln, welche die Vorschriften vorsätzlich brechen, um den Bauprozess zu beschleunigen. Genauso oft passieren solche Fälle:

  • Arbeit mit alten, abgenutzten Geräten, die nicht zur Nutzung zugelassen werden sollten;

  • Arbeit trotz zu starken Winds.

[…]

Die Kranführer*innen üben eine verantwortungsvolle Arbeit aus, die Konzentration verlangt: Von ihrer Präzision und Geschicklichkeit hängen nicht nur Material und Waren mit einem Millionenwert, sondern auch das Leben und die Gesundheit hunderter Leute ab, die ‚unten‘ arbeiten. Es ist höchste Zeit, dass diese Arbeit in entsprechendem Maße entlohnt wird. Daher die Forderung des Bauausschusses der OZZ IP, in der Baubranche eine Vereinbarung abzuschließen, die die Rolle eines Tarifvertrags erfüllt und einen Mindestlohn, der im Falle der Kranführer*innen nicht unterschritten werden kann, sowie einen obligatorischen Zuschlag für die Arbeit in großer Höhe festlegt.“

https://ozzip.pl/informacje/mazowieckie/item/2771-operatorzy-zurawi-z-mazowsza-i-warszawy-mowia-dosc-niskich-stawek

https://www.facebook.com/InicjatywaPracownicza/posts/3890681237675113

Appell an die Arbeitgeber*innen der Baubranche, eine Vereinbarung zur Regelung der Beschäftigungs-, Arbeits- und Lohnbedingungen abzuschließen

„Im Zusammenhang mit der systematischen Verschlechterung der Arbeitsbedingungen und dem Rückgang der Löhne der Turmkranführer*innen ruft der Warschauer Betriebsübergreifende Bauausschuss zum Abschluss einer Vereinbarung auf, welche die Beschäftigungs- und Arbeitsbedingungen sowie das Lohnniveau in unserer Branche regelt.

Insbesondere fordern wir, dass die Vereinbarung folgende Regelungen beinhaltet:

  • die Einführung eines Mindeststundenlohns für Turmkranführer*innen in Höhe wenigstens des doppelten Mindeststundenlohns, der auf Grundlage des Gesetzes über den Mindestlohn vom 10. Oktober 2002 (Gesetzblatt 2018, Pos. 2177) eingeführt wurde;

  • die Sicherstellung eines Arbeitsvertrags für alle Turmkranführer*innen;

  • die Einführung einer ‚Höhenzulage‘ von drei Zł brutto pro Stunde für die Arbeit in einem freistehenden Kran mit einer Höhe von mehr 60 m und einer Zulage von drei Zł brutto pro Stunde für jeden Anker, der den Kran am Gebäude befestigt, wenn es sich um am Gebäude verankerte Kräne handelt.

Wir rufen zur schnellstmöglichen Aufnahme von Gesprächen zur Unterzeichnung der o. g. Vereinbarung auf. Unserer Meinung nach soll sie in Form offener Gespräche zwischen der Vertretung der Hauptarbeitgeber*innen in der Baubranche (Eigentümer*innen von Kränen sowie Firmen, die Kranführer*innen eine Beschäftigung vermitteln) und Mitgliedern unseres Ausschusses ausgehandelt werden.“

https://www.facebook.com/permalink.php?story_fbid=102802645289203&id=102778095291658

Zudem wurde zu einer ganzwöchigen (oder längeren) Aktion „Wir achten auf die Arbeitssicherheit“ aufgerufen, die am 26. April begann und deren Höhepunkt eine einstündige Arbeitsniederlegung am Workers‘ Memorial Day bildete:

Warum haben wir am 28. April protestiert?

Am 28. April begehen wir den Welttag für Sicherheit und Gesundheit am Arbeitsplatz! Am Protest nahmen einige Dutzend Kranführer*innen aus Warschau, Łódz, Kraków, Lublin, Poznań und der Trójmiasto teil.

Indem wir die Arbeit für eine Stunde unterbrechen und die Sirene einschalten, erinnern wir daran, wie schwer und verantwortungsvoll die Arbeit der Turmkranführer*innen ist und welche Bedeutung die Einhaltung der Arbeitsschutzvorschriften auf den Baustellen hat.

  • Die Bauindustrie zählt neben dem Bergbau und der Landwirtschaft zu den Wirtschaftssektoren mit den höchsten statistischen Unfallraten

  • 2019 erlitten im Bauwesen bis zu 4.743 Personen Arbeitsunfälle, 44 davon starben und 41 weitere trugen schwere Verletzungen davon

  • die Arbeit als Kranführer*in zählt zu den besonders gefährlichen Arbeiten

  • die*der Turmkranführer*in ist sowohl für die eigene Sicherheit und das eigene Leben als auch für die Sicherheit und das Leben von Dutzenden von Leuten verantwortlich, die auf dem betreffenden Bau arbeiten

  • der mit unserer Arbeit verbundene Stress gilt als einer der wichtigsten beruflichen Risikofaktoren, der dauerhafte Spuren in unseren Körpern hinterlässt

  • die lang andauernde Arbeit in einer erzwungenen Position ist eine Ursache vieler Gelenks- und Wirbelsäulenerkrankungen

  • 2020 sanken die Löhne der Turmkranführer*innen um 1/4, und die Baubranche erfreute sich Rekordprofiten

  • viele von uns sind mit zivilrechtlichen Verträgen und selbständig beschäftigt, dadurch haben wir weder ein Recht auf bezahlten Urlaub noch auf Lohnfortzahlung im Krankheitsfall

  • wir arbeiten unter Zeitdruck, häufig ‚am Telefon‘, oft mit defektem Gerät, worunter die Sicherheit aller leidet, die sich auf der Baustelle befinden

Wir kämpfen für Löhne, die der Verantwortung entsprechen, Verträge, die Ruhezeit und Urlaub garantieren, und Arbeit im Einklang mit den Arbeitsschutzvorschriften.

[…]“

(28.04.21)

https://www.facebook.com/permalink.php?story_fbid=110477194521748&id=102778095291658

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