MEDIATHEK

Beitrag des MDR zum Streik im Trotzdem
Beitrag Dunke Wolken über der bunten Neustadt vom 6. Februar 2014.
Vor der Szene-Kneipe „Trotzdem“ protestieren Gewerkschafter gegen ihre Entlassung. Grund der Kündigungen waren laut Betreiberin Diebstähle, die nicht aufgeklärt werden konnten.
MDR um 4 06.02.2014, 16:00 Uhr


Der Tod eines Bürokraten
Der Tod eines BürokratenAnfangs fühlt man sich wie in einen vorweggenommen Monty-Python-Sketch versetzt (der Film wurde 1966 gedreht). Paco, der Bildhauer und sozialistische Musterarbeiter, hat eine monströse Maschine erfunden, die am laufenden Meter kitschige Gedenkbüsten ausspuckt. In einer Tricksequenz wird er beim Reparieren in den Mechanismus seiner Maschine hineingezogen und hat weniger Glück als Charlie Chaplin in Moderne Zeiten – er stirbt den proletarischen Heldentod. Als Zeichen der Anerkennung legen die Kollegen des Verstorbenen sein Arbeitsbuch mit in den Sarg: Fataler Fehler! Denn ohne Arbeitsbuch kann die Witwe keine Rente beantragen. Der Neffe Juanchín kümmert sich darum. Doch aus irgendwelchen Gründen (aber wer fragt bei der Bürokratie schon nach Vernunft) ist eine Exhumierung erst nach zwei Jahren möglich. Also schreitet Juanchín zur Selbsthilfe. Durch eine Verkettung unglücklicher Umstände ist er gezwungen, nicht bloß das Arbeitsbuch, sondern den ganzen Sarg zu „entführen“. Das Problem der Rente ist damit gelöst, aber ein noch größeres entstanden: wie bekommt man eine offiziell schon bestattete Leiche wieder unter die Erde? Bei dem Versuch, die dafür (vermeintlich) benötigten Genehmigungen einzuholen, stürzt Juanchín von einer tragikomischen Verlegenheit in die nächste. Der Regisseur, Tomás Gutiérrez Alea, plündert dabei mit sichtlichem Vergnügen die Filmgeschichte: eine Zerstörungsorgie à la Laurel und Hardy, eine Balanceakt an der Turmuhr à la Harold Loyd, Traumsequenzen wie von Bunuel… Immer öfter ist Juanchín gezwungen, sich von seiner Arbeit freizunehmen. Er ist nämlich in einer staatlichen Werbeagentur beschäftigt, die gerade eine große Kampagne vorbereitet… gegen die Bürokratie! Ein Gag, der übrigens umgehend von der Realität eingeholt wurde: nur ein Jahr nach Erscheinen des Films startete das Castro-Regime tatsächlich eine solche Kampagne.
Das erklärt vielleicht, warum der Film, obwohl eine bitterböse, schwarzhumorige Satire, nicht nur in Kuba gedreht und erfolgreich gezeigt werden konnte, sondern auch als Klassiker des kubanischen Kinos gilt. Ist nicht jeder gegen Bürokratie, selbst die Bürokraten? Und ist nicht jeder Humor (selbst der schwarze) immer auch versöhnlich?
„Ich bin sicher“, so der Regisseur, „dass sich die meisten wirklichen Bürokraten von meinem Film nicht betroffen fühlen. Bestenfalls entdecken sie ein Porträt ihres Kollegen, bestimmt nicht ihr eigenes. Ein Bürokrat aus meiner Bekanntschaft hat sich während der gesamten Vorführung totgelacht und mich beglückwünscht. Vielleicht hat er nur Theater gespielt. Jedenfalls habe ich mir gesagt, dass er über die Gags des Films gelacht hat, aber nicht mit dem Film, nicht mit mir.“
Dennoch kann man die politische Kritik des Films auch als grundsätzlicher verstehen, nicht nur gegen die Auswüchse oder gar die Ineffizienz des Bürokratie gerichtet, sondern gegen diese als solche, als von der Bevölkerung getrennter, hierarchischer, durch und durch irrationaler Herrschaftsapparat, im Dienste einer herrschenden Minderheit, und im speziellen Falle Kubas einer „sozialistischen“ Nomenklatura, deren abstoßende, vergreiste, dahinsiechende Überreste (leider) noch immer existieren.
Der Tod eines Bürokraten (La muerte de un burócrata), Kuba 1966, 85 min. Regie und Drehbuch: Tomas Gutiérrez Alea. Spanische Originalversion mit deutschen Untertiteln.


Wolz – Leben und Verklärung eines deutschen Anarchisten – ein Film der DEFA
WolzDas neu erwachte Interesse am Anarchismus im Zuge der 1968er-Revolte schlug sich auch im Kulturleben nieder, in der Literatur und Kunst nicht weniger als im Film, wo zu Beginn der 1970er Jahre einige interessante Produktionen erschienen: Bo Widerbergs Joe Hill (1971), Peter Lilienthals Malatesta (1970), Hector Oliveras La Patagonia Rebelde (1974) oder Giuliano Montaldos Sacco und Vanzetti (1971). Auch in der DDR hatte man die Absicht, einen „Anarchistenfilm“ zu drehen und dabei an die Verfilmung der Lebensgeschichte von Max Hölz gedacht, des Rebellen und KPD-“Abweichlers“, der nach dem 1. Weltkrieg im Vogtland den Aufstand wagte und wegen Eigenmächtigkeit aus der kommunistischen Partei ausgeschlossen wurde.
Aus dieser „Unperson“ einen Filmhelden zu machen, war selbst in den 1960er Jahren in der DDR noch ein heikles Unterfangen und deshalb kam man auf den, im Nachhinein betrachtet, glücklichen Einfall, den historischen Hölz in einen fiktiven Wolz zu verwandeln, denn damit besaß man alle künstlerischen Freiheiten in der Ausgestaltung der Figur. Und eben das ist es, was diesen Film auch heute noch sehenswert macht.
Tatsächlich ist der Wolz nur locker an den Hölz angelehnt und weicht in einigen entscheidenden Punkten von seinem historischen Vorbild ab. Zunächst einmal schon darin, dass er kein Kommunist ist, auch kein dissidenter. Genau genommen ist er, dem Titel zum Trotz, nicht einmal wirklich ein „Anarchist“, jedenfalls kein bekennender, sondern ein romantischer Rebell, ein Aufbegehrender, ein Mann der Tat, der allen politischen Richtungen, Organisationen, Programmen gegenüber ein tiefes Misstrauen hegt und seine Ansichten (ob aus Taktik oder Überzeugung) eher in biblische Worte kleidet.
Auf alle Fälle ist Wolz ein Sympathieträger und das schafft natürlich Probleme: ein sympathischer „Anarchist“? Was wird dann aus der immer recht habenden Partei? Schließlich ist das Filmschaffen in der DDR an ideologische Vorgaben gebunden, die verlangen, dass der Weg der Partei, so der Funktionärsjargon, „als der einzig richtige herausgearbeitet (wird): Es ist der Weg, der im revolutionären Kampf neben Mut und Entschlossenheit Geduld, revolutionäre Disziplin und vor allem Unterordnung unter den organisierten, von der Partei geführten Kampf verlangt“ (zit. n. dem Booklet zum Film).
Die Lösung ist ebenso einfach wie einfallslos: Wie im Theater, wo der König seinen Narr, der Edelmann seinen Diener und der Bauer seinen Esel hat, wird dem Wolz der Ludwig an die Seite gestellt, der wackere Parteisoldat, der immer die richtige Linie vertritt, aber ansonsten oder eben deshalb ein so langweiliger und blasser Geselle ist, dass selbst der Schauspieler, die ihn verkörperte, kreuzunglücklich gewesen sein soll, dass er nicht den Wolz spielen durfte. Auf die „bange Frage“ des seinerzeitigen Filmministers, „ob die Gestalt Ludwigs wirklich stark genug sei, um die Zuschauer in die gewünschte Denkrichtung zu lenken“ (ebd.), kann man aus heutiger Sicht nur mit einem klaren Nein antworten.
Die „gewünschte Denkrichtung“, d.h. die volkspädagogische Absicht des Films, sollte offenbar sein, vor allem die jüngeren Zuschauer angesichts der Jugend- und Studierendenrevolten im Westen vor den Gefahren des „Spontaneismus“ zu warnen. Das ist sicherlich gründlich misslungen.
Ganz deutlich wird das an jenem Punkt, wo fiktive und reale Person, Wolz und Hölz, am markantesten voneinander abweichen. Beide werden für ihre Aktionen zu lebenslänglicher Haft verurteilt und beide kommen durch eine Amnestie nach Jahren frei.
Doch der historische Hölz wandelt sich danach zum treuen Parteisoldaten, geht sogar in die Sowjetunion, um beim sozialistischen Aufbau zu helfen, wird aber das „Stigma“ des Anarchisten (der er nie gewesen ist) nicht los – mit tödlichen Folgen. Offiziell ertrinkt er 1933 im Fluss, tatsächlich wurde er, wie man heute weiß, ermordet.
Der fiktive Wolz hingegen weigert sich strikt, der Partei zu folgen, als wüsste er nur zu genau, wohin solcher Gehorsam (siehe Hölz) führt. Er ist die lebendige Verkörperung der Devise, dass die Revolution keine Parteisache ist. Er geht lieber seiner eigenen Wege, auch wenn er erkennen muss, dass die Zeit der Aufstände (einstweilen) vorbei ist, zumindest in Deutschland, weshalb er sich mit der Absicht trägt, auszuwandern, um als ewiger Rebell die Revolution in Amerika fortzuführen. Am Schluss sieht man ihn bei aufgehender Sonne in einen Fluss steigen: ist es Selbstmord (in Anspielung auf den vermeintlichen Tod von Hölz) oder ein Aufbruch zu neuen Ufern? Das bleibt offen. Ein symbolträchtiges, geradezu philosophisches Ende.

Wolz – Leben und Verklärung eines deutschen Anarchisten – ein Film der DEFA
Regie: Günter Reisch, Drehbuch: Günther Rücker. Darsteller: Regimantas Adomaitis, Heidemarie Wenzel, Stanislaw Lubschin u.a. DDR 1973, 106 min.